Tuesday, 12 July 2011

Das Ende des Wachstums


by Richard Heinberg
Übersetzung für Post Carbon Institute von Günter Dannhauer

Dieser Artikel ist ein Auszug aus Richard Heinbergs neuem Buch „Das Ende des Wachstums“ dessen Erscheinen für September 2011 geplant ist. Dieser Artikel wurde im Original als MuseLetter Nr. 222 veröffentlicht.



Einführung: Die neue Normalität

Die zentrale Aussage dieses Buches ist sowohl einfach als auch alarmierend: Wirtschaftswachstum, wie wir es aus der Vergangenheit kennen, ist aus und vorbei.
Das „Wachstum“, von dem wir reden, besteht aus der Ausdehnung des Gesamtumfangs der Wirtschaft (mit mehr Verbrauchern und einem höheren Geldumlauf) sowie der Energiemengen und des Güterflusses.

Die Wirtschaftskrise, die 2007 - 2008 begann, war sowohl vorhersehbar als auch unausweichlich, und sie kennzeichnet einen permanenten und fundamentalen Bruch gegenüber den zurückliegenden Jahrzehnten – einer Periode, in der die meisten Wirtschaftswissenschaftler der unrealistischen Meinung waren, dass ewiges Wirtschaftswachstum notwendig und auch möglich sei. Nun sind grundsätzliche Grenzen für die stetige wirtschaftliche Ausdehnung erreicht und die Welt kollidiert mit diesen Grenzen.
Dies bedeutet nicht, dass die USA oder die gesamte Welt nie wieder ein Quartal oder ein Jahr mit einem relativen Wachstum gegenüber dem Vorquartal oder Vorjahr erleben wird. Wenn wir jedoch den Mittelwert der Auf- und Abbewegungen betrachten, wird die allgemeine Trendlinie der Wirtschaft (gemessen in Produktion und Verbrauch von Realgütern) von nun an waagrecht oder abwärts verlaufen statt wie bisher aufwärts.

Auch wird es nicht unmöglich sein, dass eine Region, ein Land oder ein Unternehmen für eine Weile weiter wächst. Einige werden dies weiterhin tun. Spätere Analysen werden jedoch ergeben, dass dieses Wachstum auf Kosten anderer Regionen, Länder oder Unternehmen erzielt wurde. Von jetzt an ist nur noch relatives Wachstum möglich: Die globale Wirtschaft ist ein Nullsummenspiel mit einem ständig schrumpfenden Gesamtkapital, das unter den Gewinnern aufgeteilt wird. 


Warum endet das Wachstum? 

Viele Finanzexperten weisen darauf hin, dass grundlegende wirtschaftsinterne Probleme – wie überwältigende, nicht mehr begleichbare öffentliche und private Schulden und das Platzen der Immobilienblase – unmittelbare Bedrohungen für das Wiederaufleben des Wirtschaftswachstums seien. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass das Wachstum letztendlich nach dem Lösen dieser Probleme wieder in Gang kommen kann und wird. Allgemein vernachlässigen die Experten jedoch die Faktoren, die außerhalb der Finanzwirtschaft begründet sind und die ein Wiederaufleben des herkömmlichen Wirtschaftswachstums fast unmöglich machen. Es handelt sich dabei nicht um eine vorübergehende Situation, sondern um einen Dauerzustand.
Wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden, gibt es insgesamt drei Hauptfaktoren, die einem zukünftigen Wirtschaftswachstum fest im Weg stehen:

  • Die Erschöpfung wichtiger Ressourcen einschließlich fossiler Energieträger und Mineralien
  • Die zunehmenden Umweltbeeinträchtigungen aufgrund des Abbaus und der Verwendung von Ressourcen (wozu das Verbrennen fossiler Treibstoffe gehört), was zu lawinenartigen Kostensteigerungen sowohl durch die Beeinträchtigungen selbst als auch durch die Bemühungen zu deren Vermeidung und zum Beseitigen der Folgen führt
  • Störungen im Finanzsystem aufgrund der Unfähigkeit unserer bestehenden Geld-, Bank- und Investitionssysteme, sich an die Ressourcenverknappung und an die steigenden Umweltkosten anzupassen – und ihrer Unfähigkeit (im Zusammenhang mit einer schrumpfenden Wirtschaft), die enormen öffentlichen und privaten Schuldenberge zu bedienen, die während der letzten Jahrzehnte aufgetürmt wurden.

Obwohl Finanzkommentatoren sich tendenziell nur auf den letzten dieser Faktoren konzentrieren, lassen sich praktisch Tausende von Ereignissen in den vergangenen Jahren herausgreifen, die zeigen, wie alle drei Faktoren miteinander verzahnt sind und wie sie mit immer stärkerer Wucht zuschlagen.

Betrachten wir nur eines dieser Ereignisse: Die Ölkatastrophe auf der Deepwater Horizon 2010 im Golf von Mexiko. Die Tatsache, dass BP in der Tiefsee im Golf von Mexiko nach Öl bohrte, bestätigt einen globalen Trend: Während keine Gefahr besteht, dass der Welt in der näheren Zukunft das Öl ausgeht, wird nur sehr wenig neues Öl an Land gefunden, wo das Bohren preiswert ist. Die Landgebiete wurden bereits erforscht, und die dortigen reichhaltigen Vorkommen von Kohlenwasserstoffen erschöpfen sich. Nach Angaben der International Energy Agency werden 2020 fast 40 % der weltweiten Ölförderung aus Tiefseeregionen kommen. Obwohl es schwierig, gefährlich und teuer ist, zwei bis drei Kilometer unter dem Meeresspiegel zu bohren, muss die Ölindustrie dies tun, um weiterhin Öl liefern zu können. Dies bedeutet teureres Öl.

Offensichtlich waren die Umweltkosten der Explosion der Deepwater Horizon und des Öllecks ruinös. Weder die USA noch die Ölindustrie können sich einen weiteren Zwischenfall dieser Größenordnung leisten. Die Regierung Obama hat daher 2010 ein Moratorium für Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko erlassen, während neue Regeln für Bohrungen erarbeitet werden. Andere Länder begannen, ihre eigenen Richtlinien für Ölbohrungen in der Tiefsee zu überprüfen. Zweifellos werden dadurch zukünftige Unfälle weniger wahrscheinlich, jedoch wirkt sich dies auf die Förderkosten und den bereits sehr hohen Ölpreis aus.

Der Zwischenfall mit der Deepwater Horizon macht auch zu einem gewissen Grad deutlich, welche Folgeeffekte die Ressourcenerschöpfung und die Umweltschäden für Finanzinstitutionen haben. Versicherungskonzerne waren gezwungen, die Prämien für Tiefseebohrungen zu erhöhen, und die Auswirkungen auf die regionale Fischerei haben die Wirtschaft der Golfküste hart getroffen. Während die wirtschaftlichen Schäden in der Golfregion zum Teil durch Zahlungen von BP ausgeglichen wurden, haben diese Zahlungen das Unternehmen gezwungen, sich zu restrukturieren und der Aktienkurs sowie die Gewinne der Investoren gingen zurück. Diese finanziellen Probleme von BP haben sich wiederum auf britische Pensionsfonds ausgewirkt, die in BP investiert hatten.

Dies ist nur ein einzelnes Ereignis, wenn auch ein spektakuläres. Wenn es ein isoliertes Problem wäre, könnte sich die Wirtschaft erholen und weiter voranschreiten. Aber wir sehen eine Folge von Umwelt- und Wirtschaftskatastrophen, die zwar nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben, die aber das Wirtschaftswachstum auf mehr und mehr Arten behindern. Dazu gehören unter anderem:

  • Klimaänderungen, die zu regionalen Dürren, Überflutungen und sogar Hungersnöten führen
  • Wasser- und Energieknappheit
  • Wellen von Bankzusammenbrüchen, Unternehmenspleiten und Immobilienzwangsversteigerungen. 

Jede Ereigniskategorie wird als Einzelfall betrachtet, als ein lösbares Problem, so dass eine Rückkehr zum Normalzustand denkbar ist. Letztendlich wird sich jedoch herausstellen, dass alle Kategorien zusammenhängen, da sie die Folgen einer wachsenden Bevölkerung mit dem Streben nach höherem Pro-Kopf-Konsum bei begrenzten Ressourcen sind (einschließlich nicht erneuerbarer fossiler Energieträger), und dies alles auf einem begrenzten und fragilen Planeten.


Zusätzlich hat die Rückabwicklung eines jahrzehntelangen Schuldenaufbaus die Bedingungen für einen finanziellen Jahrhundertkollaps geschaffen, der sich nun um uns herum entfaltet und der allein schon das Potenzial hat, beträchtliche politische Instabilität und menschliches Elend zu verursachen.

Als Ergebnis sehen wir einen perfekten Sturm zusammenlaufender Krisen, die gemeinsam einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit darstellen. Wir sind Zeugen und Teilnehmer des Übergangs von wirtschaftlichem Wachstum zu wirtschaftlichem Schrumpfen.


Warum ist Wachstum so wichtig?
 
Während der letzten Jahrhunderte wurde Wachstum praktisch zum einzigen Indikator wirtschaftlichen Wohlergehens. Wenn eine Wirtschaft wuchs, gab es neue Arbeitsplätze und Investitionen brachten hohe Gewinne. Wenn das Wirtschaftswachstum vorübergehend zum Stillstand kam, wie etwa während der Weltwirtschaftskrise, gab es finanzielles Blutvergießen.
Während dieser Jahrhunderte nahm die Weltbevölkerung zu, von unter 2 Milliarden um 1900 auf jetzt rund 7 Millarden, und jedes Jahr kommen um die 70 Millionen neue „Konsumenten“ hinzu. Dies macht weiteres Wachstum noch wichtiger. Denn wenn die Wirtschaft stagniert, nehmen die pro Kopf verfügbaren Güter und Dienstleistungen ab.

Für die „Entwicklung“ der ärmsten Länder der Welt haben wir uns auf Wirtschaftswachstum verlassen. Ohne dieses Wachstum müssen wir uns ernsthaft mit der Möglichkeit beschäftigen, dass Hunderte von Millionen oder vielleicht auch Milliarden von Menschen niemals auch nur annähernd einen Lebensstil erreichen werden wie die Menschen in den Industrieländern.
Nicht zuletzt haben wir Geld- und Finanzsysteme geschaffen, die Wachstum benötigen. Solange die Wirtschaft wächst, ist mehr Geld und mehr Kredit verfügbar, die Erwartungen sind hoch, die Leute kaufen mehr Produkte, Unternehmen nehmen mehr Darlehen auf und die Zinsen für die bestehenden Kredite können problemlos bezahlt werden. Wenn jedoch kein neues Geld in das System einfließt, können die Zinsen für bestehende Kredite nicht gezahlt werden. Die Ausfälle setzen sich schneeballmäßig fort, Arbeitsplätze gehen verloren, Einkommen gehen zurück und die Konsumenten schränken ihre Ausgaben ein. Dies führt dazu, dass Unternehmen weniger Darlehen aufnehmen, wodurch noch weniger neues Geld in das System einfließt. Es handelt sich dabei um eine selbstverstärkende zerstörerische Rückkopplung, die nur schwer anzuhalten ist, wenn sie einmal in Gang gekommen ist.

Anders gesagt: Die Wirtschaft verfügt nicht über einen "Leerlauf". Entweder gibt es Wachstum oder Schrumpfung. Und "Schrumpfung" ist eine beschönigende Umschreibung für Depression - eine lange Zeit von Arbeitsplatzverlusten, Zwangsversteigerungen, Pleiten und Bankrotten.
Wir haben uns so sehr an Wachstum gewöhnt, dass wir uns kaum daran erinnern können, dass es sich eigentlich um ein relativ neues Phänomen handelt.
Während der letzten Jahrtausende, als Weltreiche aufstiegen und fielen, sind lokale Volkswirtschaften gewachsen und geschrumpft. Die weltweite Wirtschaftsaktivität ist jedoch nur langsam gewachsen, mit gelegentlichen Schwächeperioden. In den letzten beiden Jahrhunderten gab es jedoch eine Revolution durch fossile Energieträger, was ein Wachstum ermöglichte, dessen Geschwindigkeit und Umfang ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit sind. Wir haben die Energie von Kohle, Öl und Erdgas genutzt, um Autos, Lastwagen, Autobahnen, Flughäfen, Flugzeuge und das Stromnetz zu bauen und zu betreiben. All dies bildet die Grundlage der modernen Industriegesellschaft. Durch das nur ein einziges Mal mögliche Verfahren, das in Hunderten von Millionen Jahren chemisch gespeicherte Sonnenlicht zu fördern und zu verbrennen, haben wir etwas geschaffen, was (für einen kurzen, leuchtenden Moment) wie eine unendliche Wachstumsmaschine erschien. Wir haben uns daran gewöhnt, eine außerordentliche Situation als normal anzusehen.

Da nun die Ära preiswerter und reichlich vorhandener fossiler Energieträger zu Ende geht, werden unsere Annahmen des ständig andauernden Wachstums bis in den Kern erschüttert.
Das Ende des Wachstums ist tatsächlich ein einschneidendes Ereignis. Es bedeutet das Ende einer Ära, das Ende unserer heutigen Methoden zur Organisation von Wirtschaft, Politik und Alltagsleben. Ohne Wachstum sind wir gezwungen, das menschliche Leben auf der Erde praktisch neu zu erfinden.

Es ist von höchster Wichtigkeit, dass wir die Bedeutung dieses historischen Zeitpunktes erkennen und verstehen: Wenn wir wirklich das Ende der Ära des fossil angetriebenen Wirtschaftswachstums erreicht haben, sind die Bemühungen der Politiker, weiterhin nach schwer erreichbarem Wachstum zu streben, eine Flucht vor der Wirklichkeit. Wenn sich unsere politischen Führer Illusionen über unsere tatsächliche Situation machen, werden sie es wahrscheinlich verzögern, Maßnahmen zu ergreifen, die das Überleben in einer Wirtschaft ohne Wachstum unterstützen, und sie werden fast sicher versäumen, die erforderlichen fundamentalen Änderungen unserer Geld-, Finanz-, Nahrungs- und Transportsysteme in Angriff zu nehmen.
 Das Ergebnis könnte – statt einer schmerzlichen, aber überstehbaren Anpassung - die größte Tragödie der Geschichte sein. Wir können das Ende des Wachstums überleben, aber nur, wenn wir erkennen, was es bedeutet, und uns entsprechend verhalten.


Aber ist Wachstum nicht normal?
 
Volkswirtschaften sind Systeme, und als solche folgen sie in einem gewisssen Rahmen Regeln, die denen bei biologischen Systemen ähnlich sind. Pflanzen und Tiere wachsen normalerweise schnell, wenn sie jung sind, erreichen dann aber einen mehr oder weniger stabilen Zustand der Reife. In Organismen werden die Wachstumsraten hauptsächlich durch Gene gesteuert, aber auch durch die Verfügbarkeit von Nahrung.
Bei der Wirtschaft hängt Wachstum offensichtlich von der Wirtschaftsplanung und von der Verfügbarkeit von Ressourcen ab – hauptsächlich Energieressourcen („Nahrung“ für die Industrie) und Kredit („Sauerstoff“ für die Wirtschaft).

Im 19. und 20. Jahrhundert ermöglichte die Verfügbarkeit von preiswerten und reichlich vorhandenen fossilen Energieträgern eine schnelle wirtschaftliche Expansion. Die Wirtschaftsplaner begannen, diese Situation als normal anzusehen. Die Finanzsysteme verinnerlichten die Erwartung von Wachstum als Versprechen von Gewinnen auf Investitionen.
Aber ebenso wie bei Organismen kommt auch bei der Wirtschaft das Wachstum zum Stillstand. Auch wenn die Planer (die in unserer Gesellschaft der regelnden DNA entsprechen) mehr Wachstum diktieren, kann ein Punkt erreicht werden, an dem „Nahrung“ und „Sauerstoff“ nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen. Außerdem könnten die Industrieabfälle sich soweit kumulieren, dass biologische Systeme, die die Basis der wirtschaftlichen Aktiviäten sind (Wälder, Nutzpflanzen und Menschen), erstickt und vergiftet werden.
Viele Wirtschaftswissenschaftler sehen die Dinge jedoch anders. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass die heutigen Wirtschaftstheorien während des anormalen geschichtlichen Zeitraums ständigen Wachstums formuliert wurden, der nun zu Ende geht.

Wirtschaftswissenschaftler ziehen einfach allgemeine Rückschlüsse aus ihren Erfahrungen: Sie können auf Jahrzehnte ständigen Wachstums in der jüngeren Vergangenheit verweisen, und sie projizieren diese Erfahrungen einfach in die Zukunft. Und sie verfügen über Methoden zum Erklären, warum die moderne Marktwirtschaft immun gegenüber den Beschränkungen ist, die für natürliche Systeme gelten. Die beiden wichtigsten dieser Methoden haben mit Substitution und Effizienz zu tun.
Wenn eine Ressource knapp wird, steigt ihr Preis, und dies bildet für die Nutzer einen Anreiz, einen Ersatz zu suchen. Wenn Öl beispielsweise teuer genug wird, werden Energieunternehmen vielleicht anfangen, Flüssigtreibstoffe aus Kohle herzustellen. Oder sie entwickeln andere Energiequellen, von denen wir heute noch nicht zu träumen wagen. Viele Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass dieser Substitutionsprozess unendlich weiter geht. Es gehört zur Magie des freien Marktes.

Gesteigerte Effizienz bedeutet, mehr mit weniger zu machen. In den USA hat die inflationsbereinigte Summe von Dollar, die in der Wirtschaft durch eine einzelne verbrauchte Energieeinheit generiert wurden, während der letzten Jahrzehnte ständig zugenommen (anders ausgedrückt, die Energiemenge in British Thermal Units, die für einen Dollar Bruttosozialprodukt erforderlich ist, fiel von 20.000 BTU im Jahr 1949 auf 8.500 BTU im Jahr 2008).  Diese gesteigerte Effizienz ist zum Teil das Resultat des Outsourcing der Produktion in andere Länder - in denen Kohle, Öl oder Erdgas verbraucht wird, um Waren für uns herzustellen (wenn wir unsere eigenen Joggingsschuhe und Flachbildfernseher herstellen würden, müssten wir diese Energie im Inland verbrauchen). Wirtschaftswissenschaftler weisen auch auf eine andere, ähnliche Form der Effizienz hin, die weniger mit Energie zu tun hat (jedenfalls in direkter Sichtweise): die Prozesse, mit denen sie billigsten Materialquellen ermittelt werden und wo die Arbeiter am produktivsten und für das wenigste Geld arbeiten. Während wir die Effizienz steigern, verbrauchen wir weniger – Energie, Ressourcen, Arbeit oder Geld, um mehr zu tun. Dies ermöglicht weiteres Wachstum.

Ersatz für schwindende Ressourcen zu finden und die Effizienz zu steigern sind zweifellos effektive Anpassungsstrategien der Marktwirtschaft. Trotzdem bleibt die Frage, wie lange diese Strategien in der realen Welt noch funktionieren können — dies ist weniger von Wirtschaftstheorien abhängig als von den Gesetzen der Physik. In der realen Welt gibt es für manche Dinge keinen Ersatz oder die Ersatzmittel sind zu teuer oder sie funktionieren nicht so gut oder sie können nicht schnell genug hergestellt werden. Und die Effizienz folgt dem Gesetz des abnehmenden Nutzens: Die ersten Gewinne durch Effizienz sind normalerweise preiswert, aber jeder weitere Effizienzgewinn kostet immer mehr, bis schließlich weitere Effizienzgewinne untragbar teuer werden.

Zu Ende gedacht, können wir nicht mehr als 100 % unserer Produktion in andere Länder auslagern. Wir können Güter nicht mit null Energie transportieren, und wir können nicht die Dienste von Arbeitern nutzen und darauf zählen, dass sie unsere Produkte kaufen, wenn wir ihnen nichts bezahlen.
Im Gegensatz zu den meisten Wirtschaftswissenschaftlern erkennen die meisten Physiker, dass Wachstum innerhalb eines funktionierenden, begrenzten Systems irgendwann zu Ende gehen muss.


Die einfache Mathematik des exponentiellen Wachstums

Im Grunde genommen ist das Argument für ein unausweichliches Ende des Wachstums nicht abzustreiten. Wenn eine beliebige Menge in jedem Jahr um einen festen Prozentsatz wächst, verdoppelt sich diese Menge nach einer bestimmten Anzahl von Jahren. Je höher der Prozentsatz, desto schneller geschieht die Verdoppelung. Eine grobe Methode zur Berechnung der Verdoppelungszeit ist die Regel 70: Wenn man 70 durch den Prozentsatz teilt, erhält man ungefähr die Anzahl der Jahre für die Verdoppelung der Ursprungsmenge. Wenn eine Menge beispielsweise um ein Prozent pro Jahr wächst, verdoppelt sie sich in 70 Jahren. Wächst sie mit 2 % pro Jahr, verdoppelt sie sich in 35 Jahren. Wächst sie mit 5 % pro Jahr, verdoppelt sich die Menge in 14 Jahren usw. Um es genauer zu berechnen, können Sie die Taste Y^x auf einem wissenschaftlichen Taschenrechner verwenden. Die Regel 70 reicht jedoch meistens aus.
Sehen wir uns ein Beispiel aus der realen Welt an: Während der letzten beiden Jahrhunderte ist die Menschheit mit Wachstumsraten von weniger als einem Prozent bis über 2 % pro Jahr gewachsen. Im Jahr 1800 gab es ungefähr 1 Milliarde Menschen. Bis 1930 hatte sich die Menschheit auf 2 Milliarden verdoppelt. Nur 30 Jahre später hatte sie sich bereits wieder verdoppelt, nun auf 4 Milliarden. Zurzeit sind wir auf dem Weg zu einer dritten Verdoppelung auf 8 Milliarden Menschen ungefähr im Jahr 2025. Niemand geht ernsthaft davon aus, dass das Wachstum der Menschheit jahrhundertelang so weitergehen wird. Wenn wir uns aber vorstellen, die Menschheit würde mit 1,3 % pro Jahr (das war die Wachstumsrate des Jahres 2000) weiter wachsen, gäbe es im Jahr 2780 ungefähr 148 Billiarden Menschen auf der Erde - das wäre eine Person auf jedem Quadratmeter Land der gesamten Erde.
So wird es natürlich nicht kommen.

In der Natur prallt jedes Wachstum früher oder später auf eine nicht überwindbare Grenze. Wenn eine Lebensform auf ein vergrößertes Nahrungsangebot trifft, nutzt sie das zusätzliche Kalorienangebot und ihre Zahl wächst. Die Nahrungsquelle erschöpft sich dann jedoch, da mehr hungrige Münder zu versorgen sind, und die Anzahl ihrer Jäger wird wahrscheinlich auch ansteigen (mehr gut schmeckende Mahlzeiten für sie!). Blütezeiten einer Bevölkerung (oder Perioden schnellen Wachstums) werden immer von Zusammenbrüchen und Aussterben gefolgt. Ausnahmslos.

Betrachten wir ein weiteres Beispiel aus der realen Welt. In den letzten Jahren ist Chinas Wirtschaft um 8 % oder mehr pro Jahr gewachsen. Dies bedeutet eine Verdoppelung alle 10 Jahre. Und tatsächlich verbraucht China heute zweimal soviel Kohle wie vor einem Jahrzehnt - das gleiche gilt für Eisenerz und Öl. Das Land verfügt nun über viermal so viele Straßen wie vorher und über fast fünfmal so viele Autos. Wie lange kann das so weitergehen? Wie viele Verdoppelungen können stattfinden, bevor China seine wichtigsten Ressourcen verbraucht hat - oder einfach die Entscheidung trifft, dass genug genug ist und das Wachstum stoppt? Es ist schwierig, diese Frage mit einem genauen Datum zu beantworten, aber sie muss gestellt werden.

Diese Diskussion hat sehr reale Folgen, da es sich bei der Wirtschaft nicht nur um ein abstraktes Konzept handelt. Die Wirtschaft bestimmt, ob wir im Luxus oder in Armut leben, ob wir zu essen haben oder ob wir hungern. Wenn das Wirtschaftswachstum zu Ende geht, werden alle betroffen sein, und die Gesellschaft wird Jahre benötigen, sich an diese neue Situation anzupassen. Es ist daher wichtig zu wissen, ob dieser Zeitpunkt in Kürze bevorsteht oder in ferner Zukunft liegt.


Das Ende des Wachstums sollte keine Überraschung sein

Die Vorstellung, dass das Wachstum irgendwann in diesem Jahrhundert zu Ende geht, ist keineswegs neu. 1972 erschien ein Buch mit dem Titel Grenzen des Wachstums, und es wurde das meistverkaufte Buch aller Zeiten im Umweltbereich.
Dieses Buch, das auf den ersten Versuchen beruht, mithilfe von Computern die Interaktionen zwischen Trends bei Ressourcen, Verbrauch und Bevölkerung zu modellieren, war auch die erste größere wissenschaftliche Studie, welche die Annahme infrage stellte, dass Wirtschaftswachstum mehr oder weniger unterbrechungsfrei in der absehbaren Zukunft fortgesetzt werden kann.

Diese Überlegungen waren zu jener Zeit ketzerisch und sind es immer noch. Die Ansicht, dass Wachstum ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr weitergehen kann und nicht mehr weitergehen wird, wirkt in einigen Gruppen sehr verstörend, und Die Grenzen des Wachstums wurde bald darauf von wachstumsinteressierten Kreisen widerlegt. In Wirklichkeit bestand dieses Widerlegen lediglich daraus, ein paar Zahlen aus dem Buch vollständig aus dem Zusammenhang zu reißen und sie als Vorhersagen zu bezeichnen (was sie ausdrücklich nicht waren), und dann zu behaupten, diese Vorhersagen seien falsch gewesen. Der Trick wurde schnell entlarvt, aber Widerlegungen bekommen meistens nicht soviel Aufmerksamkeit wie Anschuldigungen, so dass heutzutage Millionen von Leuten fälschlicherweise glauben das Buch sei vor langer Zeit diskreditiert worden. In Wirklichkeit haben sich die ursprünglichen Szenarien aus Die Grenzen des Wachstums als ziemlich zutreffend erwiesen. (Eine kürzliche Studie der Australian Commonwealth Scientific and Industrial Research Organization (CSIRO) kam zu dem Schluss: “Unsere Analysen haben ergeben, dass 30 Jahre historischer Daten ziemlich gut mit den Hauptaussagen des Weiter-So-Szenarios [aus Die Grenzen des Wachstums] übereinstimmen ...“).

Die Autoren hatten damals ihre Computer mit Daten über das Wachstum der Weltbevölkerung, Konsumstrends und die Reserven verschiedener wichtiger Ressourcen gefüttert und ihre Computer dann rechnen lassen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das Ende des Wachstums wahrscheinlich zwischen 2010 und 2050 eintreten würde. Anschließend würden die industrielle Produktion sowie die Nahrungsproduktion zurückgehen, was wiederum zu einem Rückgang der Bevölkerung führen würde.
Das Szenario dieser Studie wurde seit der ursprünglichen Veröffentlichung mehrfach neu durchgerechnet, wobei höher entwickelte Software und aktuellere Eingabedaten verwendet wurden. Die Ergebnisse waren jedes Mal ähnlich. (Siehe die Grenzen des Wachstums: Das 30-Jahre-Update)


Das Peakoil-Szenario

Wie bereits erwähnt, wird in diesem Buch dargelegt, dass das Wachstum vorbei ist, weil drei Faktoren zusammenkommen: Ressourcenerschöpfung, Umweltauswirkungen und ein systemisches Versagen des Finanz- und Geldsektors. Es gibt hier jedoch einen einzelnen Faktor, der eine Schlüsselrolle dabei spielen könnte, das Zeitalter des Wachstums zu beenden. Dieser Faktor heißt Öl.

Petroleum ist der Dreh und Angelpunkt der modernen Welt - bei Transport, Landwirtschaft, Chemie und Produktion. Die industrielle Revolution war in Wirklichkeit die Revolution der fossilen Energieträger, und das gesamte Phänomen des ständigen Wirtschaftswachstums - einschließlich der Entwicklung der Finanzinstitutionen zur Erleichterung des Wachstums wie etwa dem Mindestreserve-Bankwesen - basiert letztendlich auf der ständig zunehmenden Versorgung mit preiswerter Energie. Wachstum benötigt mehr Produktion, mehr Handel und mehr Transport. All diese benötigen wiederum mehr Energie. Dies bedeutet, wenn die Energieversorgung nicht gesteigert werden kann und Energie daher beträchtlich teurer wird, geht das Wirtschaftswachstum zu Ende und die Finanzsysteme, die auf der Erwartung endlosen Wachstums beruhen, versagen.

Bereits 1998 haben die Ölgeologen Colin Campbell und Jean Laherrère ein Szenario über die Auswirkungen von Peakoil diskutiert, das folgendermaßen aussah:
Um das Jahr 2010 wird eine gleich bleibende oder zurückgehende Ölversorgung zu stark steigenden und schwankenden Ölpreisen führen, wodurch eine globale Wirtschaftskrise verursacht wird. Diese schnelle wirtschaftliche Kontraktion wird wiederum zu einem scharfen Rückgang der Energienachfrage führen, so dass die Ölpreise dann fallen. Sobald die Wirtschaft sich jedoch wieder erholt, erhöht sich auch die Nachfrage nach Öl, die Preise steigen wieder stark und als Ergebnis gibt es einen erneuten Einbruch der Weltwirtschaft. Dieser Kreislauf wird sich wiederholen, wobei jede Erholungsphase kürzer und schwächer, jeder Wirtschaftsrückgang jedoch tiefer und härter ist, bis die Wirtschaft ruiniert ist. Finanzsysteme, die auf der Annahme ständigen Wachstums beruhen, werden implodieren und damit ein größeres soziales Chaos schaffen als die Steigerung des Ölpreises selbst.

Gleichzeitig werden die stark schwankenden Ölpreise Investoren in Energiealternativen frustrieren: In einem Jahr wird der Ölpreis so hoch sein, dass fast jeder andere Energiequelle im Vergleich preiswert erscheint, im nächsten Jahr wird der Ölpreis soweit gefallen sein, dass alle Energieverbraucher zum Öl strömen werden und die Investoren in alternative Energien wie Narren aussehen. Jedoch verhindern niedrige Ölpreise die Suche nach weiteren Ölvorkommen, was die zukünftige Ölknappheit noch verschärft. Investitionskapital wird auf jeden Fall knapp sein, da die Banken wegen des Zusammenbruchs zahlungsunfähig und die Staaten aufgrund zurückgehender Steuereinnahmen pleite sind. Gleichzeitig führt die internationale Konkurrenz um die schwindenden Ölvorräte möglicherweise zu Kriegen zwischen Öl importierenden Ländern, zwischen Importeuren und Exporteuren und zwischen rivalisierenden Exporteuren.
In den Jahren nach der ersten Veröffentlichung von Campbell and Laherrère erklärten viele Experten, dass neue Technologien zur Förderung von Erdöl die Menge des Öls erhöhen würde, die aus jeder Bohrung gefördert werden kann, und dass die gewaltigen Reserven alternativer Kohlenwasserstoffressourcen (hauptsächlich Teersand und Ölschiefer) gefördert würden, so dass konventionelles Öl nahtlos ersetzt werden kann, und der unvermeidliche Peak damit um Jahrzehnte hinausgezögert werden kann. Andere waren der Meinung, dass Peak Oil auch in naher Zukunft kein großes Problem sein würde, da der Markt andere Energiequellen oder Transportmöglichkeiten so schnell finden würde, wie es nötig ist - seien es elektrische Autos, Wasserstoff oder Flüssigtreibstoff aus Kohle.

In den Folgejahren gab es Ereignisse, die die Peak Oil-These zu bestätigen und die Ansichten der Öloptimisten zu widerlegen schienen. Der Ölpreistrend zeigte stark nach oben und die Gründe waren vollständig vorhersehbar: die Entdeckung neuer Ölfelder ging ständig zurück, wobei die Entwicklung der neuen Felder viel teurer und schwieriger war als in den zurückliegenden Jahren. In immer mehr Ländern erreichten die Fördermengen ihren Höhepunkt und begannen zurückzugehen, obwohl Hochtechnologie mit teuren Sekundär- und Tertiär-Extraktionsmethoden eingesetzt wurde, um die Steigerung der Fördermengen aufrechtzuerhalten. Zu diesem Technologien gehörten die Injektion von Wasser, Stickstoff oder Kohlendioxid, um mehr Öl aus dem Boden zu pressen. Der Rückgang der Fördermengen der alten Ölfelder, der so genannten Supergiganten, die den Löwenanteil der weltweiten Ölversorgung liefern, verschärfte sich. Die Produktion von Flüssigtreibstoffen aus Teersand konnte nur langsam ausgebaut werden, während die Entwicklung von Ölschiefer für die absehbare Zukunft eine leere Versprechung blieb.


Von beängstigender Theorie zu Schrecken erregender Realität

2008 wurde dasPeak Oil-Szenario dann allzu real. Die weltweite Ölförderung war seit 2005 nicht mehr gestiegen und die Ölpreise schossen in die Höhe. Im Juli 2008 erreichte der Preis für ein Barrel Rohöl fast 150 $. In inflationsangepassten Zahlen lag dieser Preis um die Hälfte höher als die Preisspitzen der Siebziger Jahre, von denen die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst wurde. Im Sommer 2008 waren die Autoindustrie, die Lastwagenindustrie, internationale Speditionen, Landwirtschaft und Fluggesellschaften am Taumeln.

Was dann aber geschah, nahm die Aufmerksamkeit der Welt so stark in Anspruch dass der Ölpreisanstieg praktisch vergessen wurde: Im September 2008 brach das weltweite Finanzsystem fasst zusammen. Die Gründe für diese plötzliche, fesselnde Krise waren allem Anschein nach die Blasen am Immobilienmarkt, die mangelnde Regulierung der Bankbranche und der verbreitete Einsatz bizarrer Finanzprodukte, die fast niemand verstand. Der starke Anstieg der Ölpreise hatte jedoch eine entscheidende (wenn auch größtenteils übersehene) Rolle beim Auslösen der wirtschaftlichen Kernschmelze gespielt (siehe Temporäre Rezession oder das Ende des Wachstums?)

Direkt nach dem Nahtod-Erlebnis der Finanzkrise schienen sowohl das Szenario der Peak Oil-Auswirkungen, die 10 Jahre vorher beschrieben wurden, als auch das Szenario aus Grenzen des Wachstums von 1972 mit verblüffender und erschreckender Präzision bestätigt zu werden. Der globale Handel ging zurück. Die größten Automobilunternehmen der Welt hingen am Tropf. Die Luftfahrt in den USA schrumpfte um fast ein Viertel. In den armen Ländern der Welt kam es zu Nahrungsaufständen. Die aufflackernden Kriege im Irak (das Land mit den zweitgrößten Rohölvorräten der Welt) und in Afghanistan (dem Land mit den umkämpften Öl- und Gaspipeline-Projekten) zehrten ständig an den Finanzen der größten Öl importierenden Nation der Welt.

Die Debatte um die Maßnahmen gegen die globale Klimaänderung zeigt beispielhaft, wie politische Unbeweglichkeit seit den frühen Siebziger Jahren die Welt auf dem Weg ins Desaster hielt. Es wurde nun auch für fast jede Person mit mäßiger Ausbildung und geringem Intellekt offensichtlich, dass die Welt zwei dringende, unumstößliche Gründe hat, ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern schnellstens zu beenden: die Bedrohung durch die Klimakatastrophe und die bevorstehende Verknappung der Treibstoffe. Trotzdem wurden auf der Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 die Prioritäten der meisten ölabhängigen Länder klar gesetzt: die Kohlenstoffdioxidemissionen sollten gesenkt werden und die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern sollte reduziert werden, aber nur wenn dadurch das Wirtschaftswachstum nicht bedroht wird.


Die finanzielle Komponente der Wirtschaftsschrumpfung

Wenn die Grenzen der Ressourcen und die Umweltbeeinträchtigungen dem Wachstum ein Ende bereiten sollten, würden die fühlbaren Schmerzen der gewöhnlichen Bürger aus einer ganz anderen Richtung kommen: dem Verlust der Arbeitsplätze und dem Zusammenbruch der Immobilienpreise.

In den Kapiteln eins und zwei werden wir sehen, dass die Erwartung eines ständigen Wachstums in den zurückliegenden Jahrzehnten zu gewaltigen Schuldenbergen bei Bürgern und Staaten geführt hat. Die Amerikaner wurden nicht mehr reich durch die Erfindung neuer Technologien und durch die Herstellung von Gütern, sondern einfach durch das Kaufen und Verkaufen von Häusern oder durch das Verschieben von Geld von einem Investment zu einem anderen oder durch das Berechnen von Transaktionsgebühren, wenn andere Geld verschoben.
Zu Beginn des neuen Jahrhunderts taumelte die Weltwirtschaft von einer Blase zur nächsten: Asienblase, Dotcom-Blase, Immobilienblase. Alle wussten, dass diese Blasen wie jede andere Blase platzen würden, aber smarte Investoren strebten danach, früh einzusteigen und mit großem Gewinn schnell wieder auszusteigen, um Verluste zu vermeiden.

In den Jahren des Wahns von 2002 - 2006 begannen Millionen von Amerikanern, sich auf stark steigende Immobilienpreise als Einkommensquelle zu verlassen. Sie betrachteten ihre Häuser als Geldautomaten. Solange die Preise stiegen, sahen es die Besitzer als gerechtfertigt an, Kredite für eine neue Küche oder ein neues Badezimmer aufzunehmen, und die Banken fühlten sich prächtig bei der Vergabe neuer Darlehen. Zur gleichen Zeit erfanden die Zauberer an der Wall Street neue Wege, um riskante Hypotheken zu zerteilen und zu geschmackvollen neuen Finanzinstrumenten zusammenzusetzen, die zu Premiumpreisen an Investoren verkauft werden konnten - mit geringem oder ganz ohne Risiko! Schließlich war es die Bestimmung der Immobilienpreise, immer weiter zu steigen. Das Motto lautete: Gott macht keine neuen Grundstücke mehr.

Kredite und Schulden expandierten durch die Euphorie des leichten Geldes. Dieser blauäugige Optimismus führte zu neuen Arbeitsplätzen in der Bauwirtschaft und im Immobiliensektor, wodurch die Arbeitsplatzverluste in der Produktion überdeckt wurden.
Einige grantige Finanzexperten benutzten Wörter wie Kartenhaus, Zunder und Dynamitstange, um die Lage zu beschreiben. Um eine Katastrophe auszulösen, war nur noch ein metaphorischer Windhauch oder ein Funke erforderlich. Offensichtlich war der starke Anstieg des Ölpreises Mitte 2008 mehr als ausreichend dafür.
Aber die Immobilienblase selbst war lediglich eine größere Sicherung, die durchbrannte: In Wirklichkeit hatte sich das gesamte Wirtschaftssystem dummerweise so entwickelt, dass es von den unmöglich zu realisierenden Erwartungen eines ewigen Wachstums abhing und jederzeit in die Luft fliegen konnte. Geld war von Kredit abhängig, und Kredit hing von den Wachstumserwartungen ab. Als das Wachstum 2008 zum Stillstand kam, begann die Kettenreaktion von Pleiten und Bankrotten. Es war eine Explosion in Zeitlupe.

Seitdem haben sich die Bemühungen der Regierungen darauf gerichtet, das Wachstum wieder in Gang zu bringen. Diese Bemühungen hatten jedoch Ende 2009 und Anfang 2010 nur geringe Erfolge. Sie verdeckten gerade eben den zu Grunde liegenden Widerspruch im Zentrum unseres gesamten Wirtschaftssystems: der Annahme, dass wir ein nicht endendes Wachstum in einer endlichen Welt haben können.


Was kommt nach dem Wachstum?

Die Erkenntnis, dass wir den Punkt erreicht haben, an dem das Wachstum nicht weitergehen kann, ist zweifellos deprimierend. Wenn wir diese psychologische Hürde jedoch überwunden haben, gibt es ein paar mäßig gute Nachrichten.

Nicht alle Wirtschaftswissenschaftler sind davon überzeugt, dass das Wachstum ewig weitergehen wird. Es gibt ökonomische Denkrichtungen, welche die natürlichen Grenzen anerkennen, und während diese Lehren in politischen Kreisen eher Randerscheinungen sind, haben sie potentiell nützliche Pläne entwickelt, die der Gesellschaft bei der Anpassung helfen könnten.

Die grundlegenden Faktoren, die unvermeidlich dasNeue formen werden, was die Wachstumswirtschaft ablösen wird, sind erkennbar. Um zu überleben und für lange Zeit zu gedeihen, müssen Gesellschaften die nachhaltig nutzbaren Ressourcen der Erde berücksichtigen. Das heißt, auch wenn wir nicht detailliert wissen, wie ein wünschenswertes Wirtschaftssystem und unser Lebensstil nach dem Wachstum aussehen wird, wissen wir genug, um mit den Vorbereitungen zu beginnen.

Wir müssen uns selbst davon überzeugen, dass das Leben in einer nicht wachsenden Wirtschaft erfüllend, interessant und sicher sein kann. Die Abwesenheit von Wachstum bedeutet nicht notwendigerweise ein Fehlen von Änderungen oder Verbesserungen. Auch mit einer nicht wachsenden Wirtschaft oder einer Wirtschaft im Gleichgewicht ist eine anhaltende Entwicklung praktischer Fähigkeiten, künstlerischen Ausdrucks und bestimmter Arten von Technologie möglich. Manche Historiker und Sozialwissenschaftler sind sogar der Ansicht, dass das Leben in einer Gleichgewichtswirtschaft dem Leben in einer schnell wachsenden Wirtschaft überlegen sein kann: Während ein Wachstum Chancen für manche bietet, verschärft es normalerweise auch die Konkurrenz. Es gibt große Gewinner und große Verlierer, und wie in den meisten Boom-Gebieten leidet die Qualität der Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft. Innerhalb einer nicht wachsenden Wirtschaft ist es möglich, den Nutzen zu maximieren und die Faktoren einzuschränken, die zum Verfall führen. Um dies jedoch zu erreichen, müssen geeignete Ziele verfolgt werden: Statt nach mehr zu streben, müssen wir nach Besserem streben. Statt erhöhte wirtschaftliche Aktivität als Selbstzweck zu fördern, müssen wir uns darauf konzentrieren, was die Lebensqualität erhöht, ohne den Konsum abzuwürgen. Eine Möglichkeit dazu ist die Neuerfindung und Neudefinition des Wachstums selbst.

Der Übergang zu einer nicht wachsenden Wirtschaft (oder einer Wirtschaft, in der Wachstum vollkommen anders definiert wird) ist unausweichlich. Der Übergang wird aber wesentlich besser ablaufen, wenn wir ihn planen statt einfach vor Schreck erstarrt zu betrachten, wie die Institutionen, von denen wir abhängig sind, zerfallen, und dann zu versuchen, nach dem Zerfall dieser Institutionen eine Überlebensstrategie zu improvisieren.

Was wir entwickeln müssen, ist praktisch eine wünschenswerte „Neue Normalität“, die zu den Einschränkungen passt, die uns durch abnehmende natürliche Ressourcen auferlegt werden. Das Beibehalten der “alten Normalität”steht nicht zur Auswahl. Wenn wir keine neuen Ziele für uns selbst finden und unseren Übergang von einer Wirtschaft auf Wachstumsbasis zu einer gesunden Gleichgewichtswirtschaft planen, enden wir mit einer viel weniger wünschenswerten “neuen Normalität”, deren Anfänge wir bereits in der Form von anhaltender hoher Arbeitslosigkeit, einer zunehmenden Kluft zwischen Reich und Arm und immer häufigeren und heftigeren Finanz- und Umweltkrisen erkennen - was alles zu starkem Stress für Einzelpersonen, Familien und Gesellschaften führt.



Quelle 1: energybulletin
Quelle 2: postcarbon
Quelle 3: postcarbon

Derek Sivers


Sunday, 3 July 2011

Vertrauen


Das Menschenbild in unsere Köpfe spielt eine erhebliche Rolle bei der Durchsetzung eines bGE (bedingungsloses Grundeinkommen).
Ich möchte in diesem Zusammenhang von einer kleinen Begebenheit aus meiner Teenagerzeit berichten. Dies war für mich persönlich ein Schlüsselerlebnis mit weitreichenden Konsequenzen.

Unsere unmittelbaren Nachbarn war eine Familie mit zwei Kindern, ein Junge (ca 6) und ein Mädchen (ca 8 Jahre alt).
An einem Tag im Sommer trafen wir uns zufällig vor unseren Haustüren, wobei ich eine Schachtel mit besonderen Süßigkeiten dabei hatte. Die Kinder kannten bereits von mir, daß ich sowas sehr gerne mit anderen teilen würde. Doch diesmal war ich in der Laune, den beiden eine Bedingung zu stellen:
Sie bekämen nur etwas von den Leckereien ab, wenn sie die Schachtel für die nächsten 2 Stunden in Obhut nehmen, aber nicht öffnen würden.
Was ich ihnen aber nicht erzählte war, daß sich in der Schachtel keine leckeren Süßigkeiten befanden, sondern irgendein wertloser Ballast. Der springende Punkt dabei war, daß ich bei der Übergabe der Schachtel felsenfest davon überzeugt war, daß sie die Schachtel heimlich aufmachen würden.


Ich malte mir grinsend in meinem Kopf aus wie entäuscht sie doch sein werden, wenn sie sehen was für ein wertloser Mist sich eigentlich darin befand. (Ich weiß heute nicht mehr was in der Schachtel war).
Nachdem ich ihnen die Schachtel übergab, beobachtete ich wie sie die kommende Stunde damit durch die Gegend liefen, wobei sie sich bei der Obhut der kleinen Kiste abwechselten.
Zeitweise hatte ich sie aus den Augen verloren, doch später beobachtete ich sie vom Fenster der 1. Etage aus, wie sie auf die Schachtel aufpassten, als wäre sie ein wervolle Schatztruhe.

Ich stellte etwas wunderbares fest: Diese beiden kleinen Kinder waren  a b s o l u t  vertrauenswürdig. Sie hielten ihr Wort und hatten die Schachtel nicht geöffnet - noch nicht einmal heimlich, als sie unbeobachtet waren.

Nun, was ich daraus gelernt habe? Vertrauen wächst - aber nur wenn man sich darauf einläßt, sonst bleibt man sein ganzes Leben ein mistrauischer Kontrollfreak.

Das Erlebnis ist nun sehr lange her, aber ich werde es niemals vergessen.
Und es wundert mich garnicht mehr, wenn in unserem Staat die volkommenden Kontrolle eines jeden Bürgers als preventive Maßnahme gegen Straftaten gefordert wird, denn es gründet auf ein tiefsitzendes Mistrauen. Dabei scheint es keinen Wert zu haben, daß man der weiten Mehrheit durchaus trauen könnte, wenn es denn auch wirklich mal mehr Gerechtigkeiten geben würde.

Die Frage ist, wie wir mit menschlichen Enttäuschungen umgehen, wenn sie denn mal eintreffen. Vermutlich hat es damit etwas zu tun, daß viele Menschen bereits in jungen Jahren dazu gezwungen werden, gewisse zwischenmenschliche Situationen (z.Bsp. Erniedrigungen) ertragen zu müssen, und diese Schlüsselerlebnisse ein Leben lang als mentale Vergewaltigung im Hinterkopf bleiben und eine art latente Sozialphobie auslösen können.
Die unermüdliche Suche nach der 100%igen Sicherheit mag ein Weg sein, sich vor den o.a. Situation schützen zu wollen, damit einem sowas als Erwachsener nie wieder passiert, was einem als Kind angetan wurde.

Muß ich herausheben, daß der unterbewußte Generalverdacht nicht Vertrauenswürdig zu sein, Beziehungen jeglicher art extrem belasted ? Wer schon mal fremden, mistrauische Menschen um Hilfe gebeten hat, weiß, daß man ganz besonders vorsichtig und behutsam seine Bitte darlegen muß.
Unser kapitalistisches, marktradikales System hat schon eine Menge bösartige Krebsgeschwüre produziert. Was passiert mit einem Tumor, wenn er nicht behandelt wird? Er wächst unaufhörlich.

Zuerst schränkt er Dein Leben ein, und zum Schluß nimmt er es Dir ganz weg.
 

Ich sehe das bGE als ein Medikament, welches das Krebsgeschwür auf wundersamer Weise wieder zum Schrumpfen bringen könnte. Es wird Dein Leben in keinster Weise vorschreiben, aber gibt Dir die Freiheit es endlich selber zu gestalten, so wie Du es möchtest, und nicht jemand anders.

Sunday, 19 June 2011

4 Argumente gegen eine Regierung


Ist eine freie Gesellschaft möglich in einem Staat? Wir wurden darauf konditioniert, daß die Auflösung eines Staates apokalyptische folgen haben und alles in einem Mad Max-Szenario enden würde. Diese Horrorszenarien lenken die meisten Menschen davon ab sich vernünftige und logische Gedanken über den Sinn und Unsinn eines Staates zu machen. Ist es Freiheit, wenn wir mit Gewalt wie domestizierte Tiere auf einer (Steuer-) Farm gehalten werden und von einer kleinen Gruppe mit Polizei und Militär ausgeliefert sind ?





Wenn es um die Auflösung des Staates geht, kommen oft 2 Argumente.
Das Erste ist, daß eine freie Gesellschaft nur möglich wäre, wenn alle Menschen gut sind. Mit anderen Worten, Bürger brauchen also einen zentralisierten  Staat, weil es böse Menschen auf der Welt gibt.

Das größte und offensichtlichste Problem mit dieser Position ist, daß wenn böse Menschen im Staat existieren, sie folglich auch in der Regierung existieren werden und somit eine weitaus größere Gefahr darstellen. Bürger sind in der Lage, sich gegen böse Individuen zu schützen, haben jedoch keine Chance gegen einen aggressiven Staat mit einer bis an die Zähne bewaffneten Polizei und Armee.
Folglich ist das Argument falsch, einen Staat zu brauchen, weil böse Menschen existieren.

Wenn böse Menschen existieren, muß der Staat demontiert werden, weil böse Menschen dessen Macht für sich selber nutzen werden und im Gegensatz zu privaten Kriminellen haben böse Menschen in der Regierung die Polizei und das Militär zur Verfügung , um ihre Launen an einer hilflosen und hauptsächlich unbewaffneten Bevölkerung auszuleben.


Es kann 4 Varianten von guten und bösen Menschen auf der Welt geben:


  1. Alle Menschen sind gut;
  2. Alle Menschen sind böse;
  3. Die Mehrheit der Menschen ist böse und eine Minderheit ist gut;
  4. Die Mehrheit der Menschen ist gut und eine Minderheit ist böse;
Eine perfekte Balance von Gut und Böse ist statistisch unmöglich


1. Im ersten Fall (alle Menschen sind gut) ist ein Staat offensichtlich unnötig, da das Böse nicht existiert.

2. Im zweiten Fall (alle Menschen sind böse) kann der Staat allein aus einem Grund nicht erlaubt werden. Denn allgemein wird argumentiert, daß ein Staat existieren muß, weil böse Menschen Schaden anrichten wollen und nur durch staatliche Sanktionen (Polizei,Gefängnis,…etc) davon abgehalten werden können.

Daraus resultiert: Je weniger Sanktionen diese Menschen befürchten, desto mehr Böses werden sie tun. Jedoch hat der Staat selber keine Sanktionen zu befürchten, denn wieviele Polizisten und Politiker gehen selbst in westlichen Demokratien ins Gefängnis?!

Wenn also böse Menschen Böses tun wollen, aber nur durch Sanktionen davon abgehalten werden können, darf die Gesellschaft niemals die Existenz eines Staates erlauben, weil böse Menschen sofort die Kontrolle des Staates haben werden und großes Übel, ohne Konsequenzen anrichten können .
In einer rein bösen Gesellschaft ist also die einzige Hoffnung für Stabilität ein Naturzustand, wo ein generelles Bewaffnen und die Angst vor Vergeltung die bösen Absichten verschiedener Gruppen in Schach hält.

3. Die dritte Variante ist, daß die meisten Menschen böse sind und wenige gut. In diesem Fall darf dem Staat ebenfalls nicht erlaubt werden zu existieren, da die Mehrheit der bösen Menschen in Kontrolle des Staates sein und über die gute Minderheit herrschen wird.

Besonders Demokratie darf nicht erlaubt werden, da die Minderheit der guten Menschen dem Willen der bösen Mehrheit ausgeliefert sein würde. Böse Menschen die Schaden anrichten wollen, ohne die Angst zu haben bestraft zu werden, würden folglich die Kontrolle des Staates übernehmen und seine Macht nutzen Böses zu begehen, frei von der Angst, die negativen Konsequenzen davon zu erleiden.

Gute Menschen handeln moralisch und nach tugendhaften Wertvorstellungen, nicht aus Angst vor Bestrafung. Weswegen sie demnach im Gegensatz zu bösen Menschen, wenig Gewinn für sich sehen, die Kontrolle über den Staat zu bekommen; sehr viel weniger im Vergleich zu den Bösen!
Somit ist es sicher, daß der Staat von einer Mehrheit von bösen Menschen kontrolliert wird, welche dann  zum Nachteil für alle moralischen Menschen, über alle herrschen werden.

4. In der vierten Variante sind die meisten Menschen gut und nur wenig böse. Diese Möglichkeit unterliegt im Prinzip demselben Problem, wie in der dritten Variante angesprochen. Nämlich das böse Menschen immer die Kontrolle des Staates übernehmen wollen, um sich vor Vergeltungsmaßnahmen  zu schützen. Diese Variante ändert die Erscheinung der Demokratie natürlich:  Da die Mehrheit der Menschen gut ist, müssen die machthungrigen bösen Menschen sie anlügen, um an die Macht zu kommen.

Sobald sie ein öffentliches Amt haben, brechen sie sofort ihre Versprechen und verfolgen ihre eigene korrupte Agenda und setzen sie mit Polizei und Militär durch. (Offensichtlich ist dies die aktuelle Situation unserer Demokratien) Da auch hier der Staat das größte anzustrebende Ziel der meisten bösen Menschen ist- über den sie schnell Kontrolle erlangen werden, zum Nachteil aller guten Menschen- kann auch hier der Staat nicht erlaubt werden.

Es ist klar, daß es keine Situation gibt, die logisch und moralisch die Existenz eines Staates erlauben kann. Die einzig mögliche Rechtfertigung für die Existenz eines Staates wäre, wenn die Mehrheit der Menschen böse wäre, aber der Staat immer von guten Menschen kontrolliert werden würde. Diese Variante klingt zwar theoretisch interessant, kann jedoch folgenden  logischen Argumenten nicht standhalten:


  1. Die böse Mehrheit würde schnell die Minderheit in den Wahlen überstimmen oder durch einen Putsch die Macht übernehmen.
  2. Es gibt absolut keine Garantie dafür, daß es nur gute Menschen an der Spitze geben würde
  3. Es findet sich dafür absolut kein Beispiel in der Geschichte der Staaten

Der logische Fehler der bei der Verteidigung des Staates immer gemacht wird, ist das kollektive moralische Standards, an denen jegliche Gruppen von Menschen gemessen werden,  nicht auch für die Gruppen von Menschen gelten, die über sie herrschen.

Wenn 50% der Bürger böse sind, sind mindestens 50% der Menschen die über sie herrschen auch böse (wahrscheinlich sogar mehr, da Macht böse Menschen anzieht). Woraus dann folgen muß, daß die Existenz von bösen Menschen niemals die Existenz eines Staates rechtfertigen kann.

Warum wird dieser Fehler immer gemacht? Es gibt viele Gründe, von denen ich ein paar anschneiden werde. Der Erste ist, daß der Staat sich den Kindern in Form eines Schullehrers vorstellt, der als moralische Autorität angesehen wird. Diese Assoziation von Moralität und Autorität wird durch jahrelange Wiederholung bekräftigt.

Der zweite Grund ist, daß der Staat niemals den Kindern die Wurzel seiner Macht lehrt: Gewalt ! Sondern vorgibt, er sei nur eine weitere soziale Institution ,wie eine Kirche oder eine wohltätige Vereinigung .

Der dritte Grund ist, daß die Vorherrschaft der Religion, schon immer die meisten Menschen blind gemacht hat das Böse des Staates zu erkennen. Welches auch ein Grund ist, weshalb der Staat die Interessen der Kirche immer sehr unterstützt hat. In der religiösen Weltsicht ist absolute Macht gleichbedeutend mit großer Güte in Form einer Gottheit.

In der politischen Realität jedoch heißt größer werdende Macht immer größer werdendes Böses, weshalb das Ankämpfen gegen diese Macht das  Ankämpfen der Gottheit bedeuten würde.
Am Anfang des Artikels habe ich von zwei Argumenten gesprochen die oft kommen, wenn es um die Auflösung des Staates geht. Das Erste war zu glauben der Staat sei notwendig, weil böse Menschen existieren. Das Zweite ist, daß in Abwesenheit eines Staates, eine andere Institution den Platz einnehmen wird. Folglich würden z.B. Versicherungsunternehmen oder  private Sicherheitsfirmen als potenzielles Krebsgeschwür angesehen werden, die den politischen Raum einnehmen würden.

Wenn also private Institutionen wie eben angesprochen, permanent versuchen zu wachsen, um mehr Macht zu erlangen, ist das allein schon ein Argument keinen zentralisierten Staat existieren zu lassen.
Wenn es eine eiserne Regel ist, daß es Gruppen gibt die immer Macht über andere Gruppen und Individuen erlangen wollen, wird ihr Machthunger nicht dort enden wo eine von ihnen gewinnt, sondern dann erst, wenn die Gesellschaft total versklavt ist.

Deshalb ist die Logik des Arguments sehr schwer zu verstehen, daß man sich vor einer Gruppe schützt die einen überwältigen will, indem man eine andere Gruppe unterstützt, die einen schon überwältigt hat.
Es ist ähnlich zum Argument des Etatismus über staatliche Monopole, nämlich das ein staatliches Monopol kreiert werden soll, aus Angst vor einem privaten Monopol.
Wenn man sich einmal in aller Ruhe diese Widersprüche vor Augen gehalten hat, muß man kein Raketenwissenschaftler sein, um diesen Nonsens zu durchschauen.



Quelle

Friday, 27 May 2011

Sich auf das Schlimmste einstellen



Wie lässt sich ein denkbarer Kollaps des weltweiten Wirtschaftssystems überstehen?


Eine Antwort auf Jared Diamonds Buch 
“Kollaps” von Werner Winkler


Einen Schirm in der Tasche zu haben, wenn man einen ganzen Tag im Freien unterwegs ist, lässt uns anders auf heranziehende Wolken blicken als ohne. Ebenso scheint
es mir sinnvoll und beruhigend, sich auf denkbare Szenarien vorzubereiten, die sich aus der Situation ergeben könnten, in der wir aktuell leben.

Um gleich zu Beginn drei möglichen Irrtümern vorzubeugen: Erstens bin ich keinesfalls sicher, dass das eintreffen wird, was ich pauschal (wie Jared Diamond in seinem gleichnamigen Buch) als “Kollaps” bezeichne.Aber ich halte es für denkbar und kann die Wahrscheinlichkeit nicht abschätzen – deshalb nehme ich lieber einen Schirm in mein Gepäck und freue mich, falls ich ihn nicht brauche. Zweitens: es geht mir nicht darum, sich nur noch um Schirme und das Wetter zu kümmern, sondern darum, den Aufenthalt im Freien um eine Sorgezu erleichtern. Und Drittens: ich habe leider kein Patentrezept anzubieten, wie man die Benutzung von Schirmen gänzlich überflüssig machen könnte – Leben bedeutet eben nicht nur, viele Möglichkeiten zu haben, sondern auch vielen Risiken ausgesetzt zu sein.

Die Menschheit lebt nun mehr seit ungefähr zehntausend Jahren in einem Experiment, das sich Sesshaftigkeit nennt. Viele haben das zwar vergessen oder würden bestreiten, dass es sich überhaupt um ein Experiment handelt. Sie nennen es stattdessen Fortschritt oder Entwicklung. Ich bezweifle, dass das dauerhaft so bleibt. Zur Erinnerung: Bis zu der Zeit, als unsere Vorfahren
begannen, Ackerbau zu betreiben, Häuser zu bauen und Tiere als Nahrungs-, Kleidungs- und Milchlieferanten zu halten, zogen deren Vorfahren viele zehntausend Jahrelang umher, sammelten, jagten, fischten, pflanzten vielleicht hier und dort eine Kleinigkeit an, um später etwas zu ernten. Vielleicht blieben sie auch einmal einige Tage, Wochen oder sogar Monate an einem Ort – aber es gab offenbar keinen Grund, sich dauerhaft an einem Ort nieder zu lassen. Demzufolge gab es auch kaum Anlass, mehr Besitz anzusammeln, als für den täglichen Gebrauch notwendig war – oder, um es mit dem Titel des Buches von Anne Donath zu sagen: Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann.

Aber etwas anderes unterschied die Zeit vor der Sesshaftigkeit sehr deutlich von der danach, die ich “Experiment” nenne: Die Zahl der zur gleichen Zeit lebenden Menschen war wesentlich geringer als später. Menschen waren eine Art unter vielen anderen und dominierten nicht, wie heute, so gut wie die ganze Erde; geschweige denn veränderten sie ihre Umwelt so stark, dass ihr eigenes Überleben gefährdet würde. Das ist eine Spezialität unserer Experiment-Zeit.

Wenn man mit offenen Augen durch die heutige Welt geht und sieht, wohin sich das Experiment entwickelt, wird klar, dass es nicht noch einmal zehntausend Jahre in der gleichen Art weitergehen kann. Vielleicht nicht einmal hundert Jahre, es sei denn, wir finden zurück zur Zeit vor dem Experiment oder entwickeln etwas völlig Neues, womöglich einen Mittelweg zwischen beiden Möglichkeiten, wie ihn ganz wenige Gesellschaften, z.B.im Hochland von Neu-Guinea oder auf einigen kleineren Inseln im Pazifik (etwa Tikopia) jahrtausendelang beschritten haben*. Nur ist es unklar, ob und wann uns etwas Vergleichbares, Haltbares, Nachhaltiges gelingt oder ob das Experiment einfach endet, ohne dass noch eine rettende Option aufgetaucht ist. Diesen denkbaren Fall nenne ich hier “Kollaps” und wie man damit umgehen könnte, ist der Inhalt dieses Essays.

* Das Geheimnis beider Kulturen liegt offenbar darin, die vorhandenen Ressourcen so zu nutzen und zu pflegen, dass sie nicht verbraucht werden und gleichzeitig die Zahl der an einem Ort lebenden Menschen konstant zu halten. Jared Diamond hat in “Kollaps” beide beschrieben.


1. Leben heißt Veränderung

Wer versucht, einen Fluss dauerhaft anzuhalten, vergeudet nur seine Kräfte. Leben heißt Veränderung, weil das Leben seit Anbeginn gleichzeitig die Tendenz zur Abweichung von der Norm (Mutation), den Wunsch nach Optimierung und Anpassung (Fortschritt) sowie zu einem stabilen Gleichgewicht (Harmonie) zeigt. Und auch das Gleichgewicht bleibt nicht ewig, sondern wird durch Abweichung immer wieder in Frage gestellt. Sich diesen Prozessen zu verschließen hieße, sich dem Leben zu verschließen. Ebenso, wenn man nur einen der drei Stationen akzeptiert und zum Lebensmotto erheben möchte. Niemand kann dauerhaft nur mit Abweichung, mit Optimierung oder nur mit einem harmonischen Gleichgewicht existieren – weder ein Mensch, ein Unternehmen, eine Institution oder gar ein Staatswesen.

Veränderung ist also das, womit wir automatisch rechnen müssen und dürfen. Deshalb gibt es auch in der scheinbar aussichtslosesten Situation Grund zur Hoffnung. Aber genauso besteht selbst in einer sehr guten Situation stets Anlass zu einer gewissen Sorge oder Vorsorge. Wer sich ängstlich einer denkbaren Veränderung verschließt, verhält sich demnach genau so lebensfern wie derjenige, der jeden Tag mit den massivsten Veränderungen rechnet, zumal nur mit negativen, und der daran verzweifelt, dass die Welt so unsicher ist, wie zu beobachten. Um auf die Geschichte mit dem Schirm zurück zu kommen: wer trotz Regenvorhersage auf ihn verzichtet, obwohl er einen zur Verfügung hätte, wird ebenso wenig der Situation gerecht wie jemand, der gleich ganz zu Hause bleibt.


2. Die kollapsanfällige Situation

Wie kollapsanfällig die derzeitige Situation unserer Welt oder einzelner Gesellschaften in ihr objektiv gesehen tatsächlich ist, dürfte schwer in Zahlen zu fassen sein. Zu komplex sind die Verhältnisse, zu einzigartig unsere Lage und zu wenig wissen wir sicher über einzelne Faktoren, die unsere Gesellschaften beeinflussen, als dass die Zukunft sicher vorhersagbar wäre. Schon eine kleine Veränderung an einer Voraussetzung kann weltweit massivste Unterschiede hervorrufen. Trotzdem können einige Faktoren benannt werden, an denen sich die Kollapsanfälligkeit oder die Zerbrechlichkeit des Gesamtsystems unserer Gesellschaften zu
Beginn des 21. Jahrhunderts festmachen lässt:


a) das Finanz- und Wirtschaftssystem

Man braucht kein Experte zu sein, um zu verstehen, dass wir es mit einem extrem anfälligen Konstrukt zu tun haben – zudem mit einem, in dem eine kleine Gruppe von Akteuren fähig ist, ganze Banken und Volkswirtschaften an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen.
Zudem sind durch die Globalisierung und das Internet in den letzten Jahren die gegenseitigen Abhängigkeiten deutlich gestiegen, so dass kaum noch ein einzelnes Land seinen Wohlstand ohne viele andere Handelspartner halten könnte, wäre es von heute auf morgen auf sich alleine gestellt, z.B. weil Handelsrouten unpassierbar werden oder die Energie für einen Transport von Gütern über lange Strecken nicht mehr bezahlbar ist.


b) die Klimaveränderungen

Schon heute leiden viele Küstengebiete unter dem steigenden Meeresspiegel. Die Wetterextreme nehmen zu und heute landwirtschaftlich gut nutzbare Gegenden werden schon in wenigen Jahren zur Steppe veröden. Flüsse, die sich aus abtauenden Gletschern speisen,
könnten zu Rinnsalen werden und damit Millionen von Menschen zu Klimaflüchtlingen machen. Schon diese drei Beispiele lassen das Potential an Anfälligkeit erahnen, das im sich verändernden Klima steckt. 


c) die Versorgung mit preiswerter Energie

Gerade in den letzten beiden Jahrhunderten war die Versorgung mit preiswerter Energie aus Kohle, Öl, Gas und Kernkraft die wesentliche Triebkraft für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung vieler Teile der Welt. Durch sie wurden wir mobiler, konnten unsere Lebensmittel- und Warenproduktion in bis dato unbekannte Mengen steigern und so viele Menschen wie nie zuvor ernähren, kleiden, bilden und mit Wohnraum versorgen. Doch schon seit Jahrzehnten, spätestens seit der ersten Energiekrise 1973 ist klar, dass dieser Zustand vorübergehend ist, da die Quellen irgendwann versiegen und nicht unendlich neue erschlossen werden können, zumindest nicht so ökonomisch wie bisher.


d) die politische Stabilität

Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg dürfte, trotz aller Kriege und Revolutionen, zu den politisch stabilsten seit langem zählen. Und doch warnen mahnende Stimmen, es könne sich in Wirklichkeit nicht um eine eigenständige politische, sondern vielmehr um eine zuerst wirtschaftlich bedingte Stabilität handeln. Anders gesagt: Es ist leicht, friedlich zu sein, wenn man entweder damit beschäftigt ist, seinen Lebensunterhalt zu sichern oder im Gegenteil so wohlhabend ist, dass man die politischen Verhältnisse auf jeden Fall bewahren möchte. Politischer Unruhe geht sehr häufig wirtschaftlicher Abstieg oder allgemeine Ungerechtigkeit voraus – zum Beispiel, wenn sich nur noch sehr wohlhabende Bürger Mobilität, Energie oder gute Nahrung leisten können.  


e) die Bevölkerungsentwicklungen

Hier lassen sich drei Entwicklungen beobachten, die alle ein kritisches Potential, also ein Kollapspotential beinhalten.

Entwicklung 1: Bevölkerungen, die stagnieren und in denen gleichzeitig die Wirtschafts- und Renten-systeme darauf angewiesen sind, dass die Bevölkerung wächst.

Entwicklung 2: Bevölkerungen, die abnehmen bzw. sich in immer kleineren Regionen oder Megacitys mit einem Slumgürtel verdichten. Auch hier leidet über kurz oder lang die Wirtschaft und die Altersversorgung, es sei denn, von staatlicher Seite wird massiv eingegriffen, z.B. durch hohe Besteuerung von Erbschaften, die dann an Stelle von Beitragszahlern ein Rentensystem finanziert.

Und schließlich Entwicklung 3 – die gleichzeitig auch die gefährlichste dieser drei darstellt: Gesellschaften, die über Jahrzehnte stark wachsen und sich etwa innerhalb einer einzigen Generation verdoppeln. Es ist für mich völlig unverständlich, dass der sich daraus ergebenden Gefahr so wenig Aufmerksamkeit gewidmet bzw. ihr gegengesteuert wird. Jeder Tierhalter wäre alarmiert und würde massiv gegensteuern, wenn er sähe, wie sich die Zahl seiner Tiere in einem begrenzten Gehege und bei begrenztem Futtervorrat alle paar Jahre verdoppeln würde.


f) der Zustand des Ökosystems

Während es noch vor wenigen Jahrhunderten völlig unvorstellbar war, dass der Mensch mit seiner Präsenz auf dem Planeten einmal das Ökosystem selbst in Gefahr bringen könnte, sehen wir heute genau das Gegenteil:

Es ist zu befürchten, dass die Menschheit sich buchstäblich selbst die Äste absägt, auf denen sie sitzt, nur um es noch ein paar Jahre warm und gemütlich zu haben. Selbstverständlich wird letztendlich die Erde oder das “Gesamtsystem” zurück zu einem Gleichgewicht finden – aber um welchen Preis für die Menschheit oder die Vielfalt des Lebens? Wenn wir immer mehr Lebensräume zerstören, wird dies zu einer massiven Verarmung der genetischen Ressourcen und damit zu einer stark verminderten Anpassungsfähigkeit und Kreativität des irdischen Lebens führen.

Als Fazit aus diesem kurzen Überblick lässt sich sagen, dass im Grunde wesentliche Faktoren, von denen unsere Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme abhängen, nicht im Lot sind und somit die Kollapsanfälligkeit insgesamt höher ist als je zuvor in der Geschichte, zumindest global gesehen. Und dies, ohne weitere denkbare Faktoren in die Betrachtung ein zu beziehen, die ebenfalls das zerbrechliche Gebilde der menschlichen Weltgesellschaft zum Einsturz bringen könnten. Hier wären zum Beispiel der Ausbruch von Pandemien, Einschläge von Himmelskörpern oder Ausbrüche von Supervulkanen, wie im Laufe der Geschichte mehrfach geschehen, zu nennen – gegen die letzten beiden dürfte trotz Hollywood-Rettungsszenarien kaum ein Kraut gewachsen sein.


3. Was bei einem Kollaps geschehen kann.

Im 20. Jahrhundert sind mehrere Gesellschaften, auch sehr große, wie das “Dritte Reich” der deutschen Nationalsozialisten oder die Sowjetunion mit ihren Satellitenstaaten, kollabiert. Trotzdem haben sich beide wieder recht schnell erholt und stabilisiert – jedoch nicht aus eigener Kraft, sondern weil von außen Hilfe zur Verügung stand. Für beide kollabierten Systeme bot die
demokratisch-marktwirtschaftliche Ordnung zumindest einen Hoffnungsanker, konkret jedoch auch praktische, finanzielle und politische Hilfe. Eine ähnlich starke Kombination aus alternativer Idee und tatsächlicher Macht steht uns heute angesichts eines denkbaren Kollapses nicht zur Verfügung. Die wenigen Beispiele, die als zukunftstaugliche Ausnahmen modellhaft zur Verfügung stehen, taugen nicht um eine dermaßen bevölkerungsreiche Weltgesellschaft aufzufangen oder gar zu begeistern, wie dies für viele unfreie Gesellschaften die Idee einer demokratischen Marktwirtschaft vermochte und noch vermag. Und obwohl einzelne Länder einzelne Probleme teilweise oder ganz gelöst haben, gibt es doch meines Wissens keines, das komplett als Vorbild für alle anderen dienen könnte. Im Gegenteil: die Nachahmung der industriellen Revolution mit ihren ungeheuren Umweltbelastungen und den sozialen Ungerechtigkeiten durch Länder wie China und Indien verschärft die Kollapsanfälligkeit weiter anstatt sie zu reduzieren. Eine große Hoffnung, eine Utopie gar, wie sie zu Beginn der Industrialisierung, während der Versuche, den Kommunismus einzuführen oder auch in der Anfangszeit der demokratischen Marktwirtschaften in Form von “Wirtschaftswundern” erlebten, fehlt heute. Die von Ökologen propagandierte Alternative erscheint vielen reizlos und geht zudem die Frage des Bevölkerungswachstums ebenso wenig an wie die eines gerechten Finanz- und Wirtschaftssystems.


Bei einem Kollaps wird also vor allem Eines geschehen:

viele Menschen werden viel von dem verlieren, was sie gewohnt sind. Und je nach Niveau des individuellen Wohlstandes und der Heftigkeit des Zusammenbruchs wird dies unterschiedlich viel sein. Um einmal das Bild eines mehrstöckigen Gebäudes zu benutzen: bei einem Erdbeben kann sowohl nur das obere Stockwerk einstürzen und der Rest stehen bleiben, es können nur einzelne Teile einbrechen bzw. das Gebäude unbewohnbar machen oder es kann alles zusammenbrechen und nur ein Haufen Schutt über einem Keller übrig bleiben.

Wohl dem, der dann in einer kleinen Hütte außerhalb des Gebäudes zu leben gewohnt ist und der nur sein Wellblechdach wieder festnageln muss, nach dem die Erde gebebt hat. Praktisch bedeutet dies, dass gerade die hochvernetzten, auf Energieversorgung, Warenströme und Transportwege angewiesenen und von gegenseitiger Arbeitsteilung lebenden Gesellschaften schlagartig in die Krise geraten, wenn eine Störung eintritt. Schon der kurzzeitige Ausfall von Internet- und Telefonverbindungen, ein Vulkan, der Asche in die Flugrouten bläst oder der
Stopp der Stromversorgung unterbricht den gewohnten Ablauf. Brechen jedoch die Warenströme und irgendwann auch die öffentliche Ordnung weg, werden sehr viele Menschen mit einer Situation konfrontiert sein, die sie absolut nicht gewohnt sind: sie müssen sich selbst
mit dem Notwendigen versorgen – zunächst mit Wärme (je nach Klimaregion und Jahreszeit), mit Trinkwasser und mit Lebensmitteln, dann mit ihrer eigenen Sicherheit oder der Organisation von neuen regionalen Beziehungen. Natürlich ist in dieser Lage jemand besser dran, der sich seine Wärme selbst erzeugen kann, der Wasser- und Lebensmittelvorräte zu Hause hat und in einer Gegend lebt, wo er nicht jeden Moment damit rechnen muss, dass ein bewaffneter Mob ihn seiner Habe und seines Lebens beraubt. Kurz: der New Yorker Geschäftsmann im kleinen, zentral beheizten Appartement, der sich täglich unterwegs von Fastfood ernährt, übergewichtig ist und nur einen kleinen Kühlschrank hat, ist dann wesentlich schlechter dran wie der gesunde polnische Bauer, der sich seit Jahren gezwungenermaßen von der eigenen kleinen Landwirtschaft ernährt, mit seinen Nachbarn Geräte und Arbeitszeit tauscht, weit draußen lebt und Vorräte und Holz für zwei Winter im Keller hat. Irgendwo zwischen diesen Extremen dürfte jeder von uns seinen Ausgangspunkt haben. Jedenfalls würden nur sehr wenige Menschen gar nichts bemerken, wenn die Welt, wie wir sie heute kennen und schätzen, nicht mehr funktionieren würde. Außer ein paar wenigen Naturvölkern wären alle mehr oder weniger rasch und stark betroffen.


4. Leben nach dem Kollaps. 

In der Hoffnung, dass dieser Fall nie eintritt, gehe ich einmal vom Schlimmsten aller denkbaren Kollaps-Szenarien aus: Wodurch auch immer ausgelöst, brechen dauerhaft das Finanzsystem, das Internet, die Elektrizitätsversorgung, die Wasserversorgung, die Warenströme, die medizinische Versorgung und die öffentliche Ordnung zusammen. Übrig bleibt nur, was auch ohne diese Errungenschaften existiert: Häuser, Straßen, die vorhandenen Vorräte und Gerätschaften, ein Rest an Mobilität – sowie viele Menschen auf teilweise engen Räumen, die sich nur zu einem kleinen Teil von dem ernähren können, was in ihrer direkten Umgebung und Reichweite wächst. Was dann? Schon nach kurzer Zeit und der ersten Schockstarre werden sich, je nach regionaler Bevölkerungsdichte unterschiedlich, Tausende oder Millionen von Menschen auf die Suche machen:

nach Wasser, 
nach Nahrung, 
nach Heizmaterialien, 
nach Werkzeugen, Waffen, Freunden, Verbündeten. 

Ein Schwarzmarkt und Tauschhandel wird einsetzen, es werden sich Gruppen zusammen schließen, um gemeinsam für Sicherheit zu sorgen. Wo große Mengen an Waffen im Umlauf sind, werden diese mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu eingesetzt, die eigenen Forderungen durchzusetzen. Geld wird wertlos sein, vielleicht sogar Gold. Eine Dose Rindfleisch kann wertvoller sein als der schönste Sportwagen, ein kleines Gartenhaus mit Ofen begehrter als eine große Villa ohne funktionierende Zentralheizung und Wasserversorgung. Wer auf bestimmte Medikamente oder Behandlungen angewiesen ist, hat schlechte Karten. Die Zahl der Kranken, Toten, Verzweifelten und Gewaltbereiten wird rasant zunehmen – bis sich ein neues Gleichgewicht einstellt und die Zahl der regional übrig bleibenden Menschen im Verhältnis zu dem steht, was diese aus den vorhandenen Ressourcen erarbeiten können; das wird dann jedoch nicht mehr in Geld gemessen werden, sondern in Nähr- und Heizwerten, in sozialem Zusammenhalt und gemeinsam organisierter Sicherheit.

Ob sich nach einem solchen Kollaps wieder komplexere Gesellschaften mit ähnlich hohen Bevölkerungszahlen und einer eben so hoch entwickelten Technik bilden werden, bleibt offen. Vorstellbar ist jedoch, dass auf Grund der teilweise extremen Arbeitsteilung und Spezialisierung nur noch wenige Menschen ausreichend Kenntnisse in sich vereinen, um auch nur die notwendigsten Dinge herzustellen oder anzubauen. Es ist sogar denkbar, dass wir auf eine Niveau weit vor dem Mittelalter und vielleicht sogar auf das einer steinzeitlichen Jäger- und Sammlerkultur zurückfallen würden, wenn auch mit zunächst zahlreichen nützlichen Hinterlassenschaften der technisierten Zivilisation. 

Meine Vermutung ist, dass sich das Pendel irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter einspielen würde - regional und lokal stark unterschiedlich. Aber ein Zurück zur Hochkultur des 21. Jahrhunderts scheint mir fast ausgeschlossen – vor allem deshalb, weil uns nicht mehr wie zu Beginn der Industrialisierung große Mengen gut verfügbarer Energieträger und Metalle zur
Verfügung stehen würden, auf die jede technische Zivilisation angewiesen wäre. Andererseits fehlen zum allergrößten Teil die damals noch vorhandenen handwerklichen, physikalischen und landwirtschaftlichen Grundkenntnisse. Sie wären aber die Voraussetzung, um eine neuerliche technische Zivilisation zu errichten.

Die nach einem Kollaps übrig bleibenden und neu geborenen Menschen werden vermutlich zunächst einmal froh sein, überhaupt am Leben zu bleiben, die kalten Nächte und Jahreszeiten zu überstehen und sich gegen aggressive Nachbarn verteidigen zu können. Jemand in einer solchen Lage braucht kein Navigationssystem und wird auch keine Satelliten ins Weltall schießen können, um es zu betreiben. 


5. Vorsorgen für das Leben danach.

Um zum Bild des vorsorglich mitgeführten Schirms vom Beginn zurückzukehren – es taucht bei solchen Gedankenspielen natürlich rasch die Frage auf, ob und wenn ja, wie eine Vorsorge für den Fall der Fälle aussehen könnte. Und hier natürlich möglichst eine, die nicht die Größe und das Gewicht eines großen Sonnenschirms aufweist, sondern eher unauffällig, leicht und trotzdem im Ernstfall tauglich ist. Selbstmord aus Angst vor dem Tod ist sicher keine gute Idee – ebensowenig, sich aus dem normalen Leben zurück zu ziehen, nur weil es früher oder später womöglich aus dem gewohnten und geliebten Rahmen ausbrechen könnte. Ein Schirm, der mich daran hindert, nach Draußen zu gehen, macht keinen Sinn. Nun lassen sich aus dem zuvor beschriebenen, extremen Szenario durchaus Handlungsoptionen ableiten, die es im Fall des Eintritts wahrscheinlicher machen, den ersten Schock zu überleben und dann auch in der Zeit danach wieder zu einem Leben zu finden, das wir als lebenswert betrachten. Einige davon, aber selbstverständlich nicht alle, möchte ich ansprechen – überlasse es jedoch dem Leser selbst, sie für sich ernst zu nehmen, an die eigene Situation anzupassen oder als zu weitgehend auszuschließen. Die Reihenfolge der Vorsorgetipps ist hierbei zufällig entstanden.


a) die eigene Gesundheit

Je gesünder ein Mensch und je weniger abhängig von medizinischen Diensten und Mitteln, die ihm nur von einer hoch komplexen Gesellschaft garantiert werden können, desto besser im Fall eines Kollapses. Auch körperliche Fitness wäre von Vorteil. Und wer ein bestimmtes Medikament unbedingt benötigt, tut vielleicht gut daran, einen Vorrat davon anzulegen um  zumindest eine zeitliche Unterbrechung der Vorsorgung damit ausgleichen zu können. 


b) relevantes Wissen

Im Fall eines Kollapses wird sich das vorhandene Wissen völlig neu sortieren. Manches, was heute noch täglich benötigt wird, ist dann nutzlos und anderes, das nur für wenige Menschen notwendig ist, z.B. über essbare Wildpflanzen Bescheid zu wissen, würde dann schlagartig sehr wertvoll sein. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was ohne die heutige technische
Gesellschaft an Wissen notwendig sein könnte, ist es etwa sinnvoll, sich über die Lebensweise von Menschen früherer Epochen kundig zu machen – angefangen von derjenigen der Steinzeitmenschen bis hin zum späten Mittelalter. Aber auch heute leben manche Gruppen
noch in einer Art und Weise, die durchaus tauglich scheint, auch “danach” noch fortgeführt zu werden, z.B. die Lebensweise der Amish People in Pennsylvania oder die der Buschleute in der Kalahari-Wüste. Eine gute Quelle für später womöglich nützliches Wissen könnten auch Bücher über Gärtnerei, Landbau oder das Handbuch der Pfadfinder sein.


c) Vorräte zur Überbrückung

Viele der heutigen Menschen können sich kaum noch vorstellen, wie lebenswichtig noch vor wenigen Jahrhunderten die Anlage von Vorräten war – sei es nun für den Winter oder für Zeiten mit schlechter Ernte. Unser Vorratslager heute ist häufig der Supermarkt, doch ist klar, dass die dort gelagerten Lebensmittel nur sehr kurze Zeit ausreichen, die umliegende Bevölkerung zu
versorgen. Häufig lagern zwar staatliche Stellen Grundnahrungsmittel ein, doch dürfte deren Verteilung in einem solchen Krisenfall, wie hier geschildert, nicht automatisch optimal funktionieren, als dass man sich allein darauf verlassen könnte. Anstatt beliebige Lebensmittel einzulagern wäre mein Tipp, lieber diejenigen zu bevorzugen, die sowieso verwendet werden. So kann einfach eine Art Puffer aufgebaut werden, der auch in Notzeiten verfügbar ist, ohne
ihn separat zu pflegen. Hierbei ist natürlich auf die Haltbarkeitsdaten zu achten. Angenommen, ich verbrauche vom Lebensmittel X ungefähr 50 Packungen pro Jahr und die Haltbarkeit ist genau ein Jahr, spricht – außer vielleicht Geldmangel oder Platzgründe – nichts dagegen, sich mit der Zeit einen Vorrat von 50 Packungen anzulegen. Besonders Trinkwasser, das heutzutage vielen Menschen wie selbstverständlich verfügbar scheint, sollte bevorratet werden. Schon eine kleinere Störung im Warenverkehr und ein sehr heißer Sommer können hier zu Versorgungsengpässen führen und dann ist man sicher froh, ausreichend Getränke verfügbar zu haben.

Wer seinen Notfallvorrat weiter ausdehnen möchte, kann sich ganz einfach Getreidekörner einlagern und aus diesen im Notfall mit einer Handmühle Flocken oder Mehl herstellen. Trocken und in einem fest verschlossenen Gefäß gelagert halten Getreidekörner viele Jahre lang – und sie könnten im Bedarfsfall sogar wieder ausgesät werden. Ein kleiner Vorrat an anderen Samen, z.B. von Gemüse, scheint mir ebenfalls gut angelegtes Geld zu sein, vor allem, wenn man selbst einen Garten hat und die Samen regelmäßig verwendet und erneuert werden können. Eine weitere sinnvolle Vorratshaltung empfiehlt sich für Brennstoffe, wobei natürlich auch die Möglichkeit vorhanden sein sollte, damit wenigstens einen Raum zu beheizen. Wer diese Möglichkeit, z.B. in der Großstadt, nicht hat, kann sich unter Umständen auf dem Land oder in einer Gartenlaube ein kleines Häuschen mit Ofen und Platz für Holz und Kohlen zulegen, um im
Notfall dorthin ausweichen zu können. Für kürzere Heizperioden genügt auch ein mit Petroleum betriebener, abgasfreier Zimmerofen und sogar mit einigen Kerzen lässt sich durchaus die Temperatur in einem kleinen Raum um etliche Grad erhöhen, wie ich selbst einmal ausprobiert habe. 


d) Möglichkeiten zum Selbstschutz

Im Extremfall ist durchaus damit zu rechnen, dass verzweifelte oder skrupellose Menschen Gewalt anwenden, um in den Besitz von begehrten Gütern zu gelangen. Welche Mittel hier als angemessen empfunden werden, sich dagegen zur Wehr zu setzen, bleibt der Bereitschaft des Einzelnen überlassen, diese auch einzusetzen. Nicht jeder wird selbst in einer solchen Lage mit einer Waffe umgehen können oder wollen, nur um ein paar Vorräte zu verteidigen. Eine stabile
Wohnungstür oder ein Gitter vor den Fenstern könnten durchaus mehr bewirken als eine geladene Waffe in der Hand des Ungeübten, ebenso ein wachsamer Hund oder ein fest zu verschließender Raum im Haus, in den man sich im Notfall flüchten kann. Vorteilhafter dürfte im Ernstfall jedoch sein, sich mit anderen zusammen zu schließen und gemeinsam für Sicherheit zu sorgen. Niemand kann alleine 24 Stunden am Tag nur damit verbringen, nach möglichen Angreifern Ausschau zu halten und sich diesen zu stellen. Aber eine Gemeinschaft von 50-100 Personen, die sich die Aufgaben teilt und bei Bedarf zusammenhält, dürfte zumindest Einzeltäter oder kleinere Banden gut abschrecken bzw. abwehren können. 


e) sich auf das Schlimmste einstellen

Letztlich kann man nicht mehr verlieren als das eigene Leben. Und das verliert man ja irgendwann so oder so - ob nun in einer technisch hoch entwickelten Gesellschaft oder in einer, die sich von den Überbleibseln derselben noch eine zeitlang über Wasser hält, bis sie dann auf
eine Niveau zurückgeht, welches vor dem “Experiment” der Sesshaftigkeit und der darauf folgenden beruflichen Spezialisierung Jahrtausende lang selbstverständlich war. Ob das nun als “das Schlimmste” bezeichnet werden kann, möchte ich bezweifeln. Schaut man sich nämlich jene Menschen an, die wie die Buschleute heute noch in einer ursprünglichen Weise leben, gehören diese vermutlich zu den glücklichsten Menschen der Welt. Und auch das Ökosystem und die von der Ausrottung durch den Menschen bedrohten Tiere könnten sich über das Ende des Experiments durchaus freuen. Sich auf etwas einstellen bedeutet auch, damit besser
umgehen zu können. Eine Dusche und ein Regenschauer sind in gewisser Weise recht ähnlich – nur ist das eine gewählt und willkommen und das andere überrascht uns. 

So gesehen dürfte eine der besten Möglichkeiten der Vorsorge die innere Vorbereitung darauf sein, vieles von dem, was uns heute selbstverständlich und “ewig” erscheint, als vorübergehende Erscheinung zu sehen und im Ernstfall loslassen zu können – sei es nun das Internet, das warme Wasser aus der Leitung, die prall gefüllten Supermärkte oder die Aussicht auf eine bis ans Lebensende fast perfekte medizinische Versorgung. Und auf der anderen Seite der Trennlinie diejenigen Dinge zu sehen und zu schätzen, die ganz sicher erhalten bleiben werden: Freundschaft, Entdeckerfreude, das Lächeln der Kinder, Musik und Lieder, die Sterne bei Nacht oder der Zauber des zurückkehrenden Frühlings nach einem kalten Winter. Auch gute Gespräche und das Gefühl, jemand wichtig zu sein brauchen weder Internet noch Atomkraftwerke oder Mobiltelefone. Und der Ritt auf einem Pferd zu einem Freund kann mehr Lebensqualität beinhalten als in einem leistungsstarken Sportwagen zu einer Arbeit zu fahren, die einen nicht ausfüllt. Und wer noch einen Schritt weiter gehen mag, kann sich auch darauf einstellen, dass das eigene Leben irgendwann zu Ende sein wird. Ich glaube, wer vor der
eigenen Sterblichkeit keine Angst mehr hat, ist schon sehr gut auf jede denkbare Veränderung vorbereitet, die sich noch ereignen kann. 


6. Dem Kollaps vorbeugen?

Natürlich stellt sich bei solchen Analysen auch die Frage, ob man noch etwas tun kann, um den mit zunehmender Komplexität der Situation immer wahrscheinlicher werdenden Kollaps zu verhindern. Die in Kapitel 2 beschriebenen Probleme sind ja wahrlich keine Lapalie und nicht erst seit gestern vorhanden. Wenn man ein Problem erkannt hat und nach Lösungen sucht, ist es sinnvoll, zunächst einmal das Ziel der Lösungsversuche zu definieren – also etwa die Frage zu
klären, was denn anders wäre, wenn das Problem tatsächlich gelöst wäre. So gefragt würde ich vielleicht antworten: wenn die Menschheit wieder auf eine Art leben würde, dass es im gleichen Stil mehrere Jahrzehntausende weiter gehen könnte, ohne dass ein neuer Kollaps droht. Dieser Zustand war nach meinen Kenntnissen zuletzt vor ungefähr zehn- bis zwölftausend Jahren auf der ganzen Welt und für die ganze Menschheit vorhanden, als unsere Vorfahren noch als Jäger,
Sammler und Pflanzer unterwegs waren und nicht in der Mehrheit nach und nach dauerhaft sesshaft wurden.

Und genau jener Zustand, so scheint mir, könnte durch einen Kollaps wieder eintreten, wenn wir ihn nicht willentlich wieder herbeiführen – zumindest nach und nach. Praktisch hieße das, dass die Anzahl der Geburten deutlich unter derjenigen der Sterbefälle bleiben müsste. So könnten nach und nach die überbevölkerten Gebiete entlastet werden und der knapper werdende Ackerboden sowie die versiegenden Ressourcen geschont werden. Gleichzeitig wäre es notwendig, dass jene Gesellschaften, die wesentlich mehr verbrauchen als gleichzeitig an Ressourcen nachwächst, ihren Verbrauch auf oder unter diese Nachhaltigkeitsgrenze senkt. Auch die Verbrennung von fossilen, nicht nachwachsenden Rohstoffen muss schnellstmöglich beendet werden, ebenso der Verzehr von tierischer Nahrung im gewohnten Stil. Alleine mit diesen drei Maßnahmen – Reduzierung der Bevölkerungszahl, Reduzierung des Ressourcenverbrauchs und Reduzierung des Verzehrs tierischer Nahrung – könnte das Gesamtsystem spürbar entlastet werden. Und wenn parallel noch die politischen Systeme und das Finanz- und Wirtschaftssystem renoviert würden sowie die angerichteten Schäden am Ökosystem der Erde wo immer möglich ausgeglichen – dann sänke die Wahrscheinlichkeit für einen Kollaps drastisch.

Ob wir als Menschheit so viel Verstand, Willen und Kreativität aufbringen, bleibt abzuwarten. Darauf wetten würde ich eher nicht, wenn ich die Entwicklung der letzten zehntausend Jahre seit Beginn des “Experiments” betrachte. Aber man weiß ja nie, welche Veränderungen uns bevorstehen. Bekanntlich soll man mit allem rechnen, auch mit dem Guten.